Zu viel Elektronik auf einmal kann krank machen

Handy, ein Spiel auf der Konsole, dazu TV - nicht wenige Menschen, vor allem die jüngeren, nutzen mehrere elektronische Geräte gleichzeitig. Vorsicht!

Der Besuch in einem Sportstudio kann Beweis genug sein: Da sitzt ein junger Mann auf einem stationären Fahrrad und strampelt sich Pfunde ab, während er auf einem am Sportgerät angebrachten TV-Bildschirm ein Bundesligaspiel verfolgt, dann greift er nach seinem iPod, ohne das Fernsehgerät auszuschalten oder außer Acht zu lassen, denn er hat eine E-Mail erhalten – die er auch gleich noch beantwortet.

Geradezu alltäglich in öffentlichen Verkehrsmitteln ist dies: Über Ohrstöpsel hört eine junge Frau ihre Lieblingspopsongs, während sie sich auf ihrem Handy Fotos anschaut und die auch sofort weiter verschickt. "Multitasking" ist laut dem neuesten Pons-Großwörterbuch auch im Deutschen der computerorientierte Begriff für so etwas, und im Duden von 2009 heißt es unter Multitasking: "Gleichzeitiges Ausführen mehrerer Aufgaben, Tätigkeiten (in einem Computer)". Es geht hier aber keineswegs um die Anglizierung anderer Sprachen – ernsthafteres, viel bedeutungsvolleres vielmehr ist angesagt: Zu viel Elektronik auf einmal nämlich kann krank machen, schadet dem Hirn. So jedenfalls die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft.

Gelerntes ins Langzeitgedächtnis

Die Berliner Ärztin Dr. Larissa Niederstadt sagt klipp und klar: "Amerikanische Untersuchungen gehen noch weiter, werden sehr präzise. Wer mehrere elektronische Geräte auf einmal bedient, schadet seinem Gehirn und damit seinem persönlichen beruflichen Fortkommen. Professor Loren Frank, Physiologie-Kapazität an der University of California in San Francisco, bringt das auf den Punkt: "Fraglos gilt dies als erwiesen – wenn das Hirn einmal weniger gefordert ist, verarbeitet es Erlebnisse, die es wahrzunehmen hatte, schickt etwa Gelerntes ins Langzeitgedächtnis. Wenn das Hirn aber dauernd stimuliert wird, findet letzteres nicht statt".

Die Schädlichkeit des Multitasking

Zu einem vergleichbaren Ergebnis kommt eine Studie der University of Michigan: Es lernt sich besser während eines Spaziergangs in der freien Natur oder unmittelbar danach, in einem Park vielleicht oder an einem städtischen See, als inmitten eines Metropolentrubels oder inmitten vieler Menschen. Wenn zu viel auf einmal aufs Hirn einströmt, so die Schlussfolgerung dieser Studie, kann das beim Menschen zu Erschöpfungszuständen führen – er schaltet einfach und automatisch ab und negiert alles weitere. Das ist auch dann der Fall, so die Studie weiter, wenn sich ein Mensch beim Multitasking absolut wohl, erfrischt, vergnügt, gut unterhalten fühlt. Neurologie-Professor Marc Bergman von der Michigan-Universität zusammenfassend dazu: "Unter gewissen Multitasking-Prospekten glauben die Menschen, sich zu erholen – in Wirklichkeit schaden sie sich".

Elektronikspiele sind kürzer geworden

Die jüngsten Elektronik- und Spielemessen zeigen, dass die Industrie von besagten medizinischen Erkenntnissen und Empfehlungen gar nichts hält. Vielmehr werden Spiele heutzutage zeitlich so knapp wie möglich bemessen oder ausgelegt, so dass der Nutzer etwa während freier 15 Minuten – Frühstückspause vielleicht – nach Einsicht in seine E-Mail auf dem Handy auch noch ein Spiel, nein: neuerdings zwei Spiele einschieben kann. Das bestätigt Sebastian de Halleux, Mitbegründer von PlayFish, der Spieleabteilung von Electronic Arts: "Statt zu viel Zeit zum Nichtstun zu haben, bei einer langen Mittagspause, vermitteln wir viele Mikromomente, haben wir das elektronische Spiel insofern neu erfunden, als wir auch kleinste Pausen füllen können". Das US-Unternehmen Flurry, das in der Industrie weltweit entsprechende Trends verfolgt, wartet in diesem Zusammenhang mit einer Statistik auf: Das typische elektronische Mobilspiel hatte bisher eine Dauer von 6,3 Minuten – die neuesten Spiele auf Handys oder anderen tragbaren Kleingeräten haben eine Dauer von lediglich 2,2 Minuten.

Um die Zeit totzuschlagen

Die "New York Times" befasste sich kürzlich mit dieser Thematik und wartete mit einigen gut beobachteten Beispielen für Multitasking auf:

  • 0Eddie Umadhay (59) saß vor einer Bäckerei in seinem Wagen und löschte während des Wartens auf seine einkaufende Frau alte E-mails – hörte aber gleichzeitig einem Nachrichtensender zu.
  • Vor dem Kaffee saß Ossie Gabriel (44) auf einer Bank und schrieb E-Mails, "um die Zeit totzuschlagen", wie erklärt wurde.
  • David Alvarado schob seine zweijährige Tochter im Kinderwagen an der Kasse eines Supermarktes vor sich her, das Handy am Ohr, Kollegen an seinem Arbeitsplatz erläuternd, dass er gerade eine "Lücke" habe – vorm Bezahlen.

Warnende Erkenntnis der Medizin

Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings die Tatsache, dass Multitasking mitunter aus beruflichen Gründen notwendig ist. Wenn man vor seinem PC sitzt etwa und das Handy klingelt. Oder wenn ein selbstständiger Mechaniker gleichzeitig BlackBerry und Handy nach einer wichtigen Nachricht abfragt, die er dringend erwartet. Die Regel aber sollte das Multitasking nicht werden – so zumindest die (auch warnende) Erkenntnis der Medizin.

Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel niemals ärztlichen Rat ersetzen kann!

Wolfgang Will, Hermann Streuff

Wolfgang Will - Hallo, Hi, Grüß Gott, Guten Tag: Ich bin Wolfgang Will, Jahrgang 1931. Arbeite derzeit als Freier aus Berlin (Wissenschaft, ...

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